Die goldene Friedenstaube
von Roland Müller ©

THEATERPROJEKT

Zu den eifrigsten Geschichtenerzählern der Welt gehören die Tauben.

Köpfchen nickend und gurrend begegnen sie uns in Bahnhöfen, auf Gehwegen und auf öffentlichen Plätzen.
Wir Menschen gehen davon aus, dass sie dort pickend versuchen, sich ihre runden Bäuchlein zu füllen.
Doch die Tauben erzählen sich dabei auch viele
Geschichten
– und kommentieren diese mit Kopfnicken und gelegentlichem Gurren.
Eine dieser Geschichten ist die nun folgende.

Am Ende der Sintflut hatte Noahs Arche festen Grund erreicht.



Um zu prüfen, ob das zum Aussteigen genügt, ließ Noah erst einen Raben und dann dreimal eine Taube ausfliegen.
Der Rabe kam zurück, und zweimal auch die Taube. Beim zweiten Mal hatte sie einen Olivenzweig im Schnabel.
Das zeigte an, dass die Erde wieder Pflanzen wachsen ließ. Beim dritten Mal kehrte die Taube nicht zurück,
und die Menschen haben sich nicht weiter um sie gekümmert. Sie nahmen einfach an, dass draußen alles wieder
trocken und begehbar ist, und so war es ja auch.

Was aber aus Noahs Kundschafter-Taube geworden ist, das haben sich die Tauben gut gemerkt:



Als nämlich der Regenbogen entstanden war zum Zeichen des Friedens zwischen dem Schöpfer und allem Leben,
das er geschaffen hatte, da setzte sich jene Taube obenauf und ließ sich von der Sonne anstrahlen.
Bald begann sie selbst zu leuchten, und ihre Federn, ihr Schnabel, die Beine und Zehen bekamen goldenen Glanz.
Darüber freute sich der Schöpfer und er sagte zur goldenen Taube: "Du sollst meine Friedensbotin sein.
Überall, wo Menschen sich streiten, wo sie einander Gewalt antun oder ihren Mitgeschöpfen, den Tieren
und Pflanzen, Schaden zufügen, da sollst du ihnen zurückbringen, was sie verloren haben – Frieden,
Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben!"

Die Taube erschrak. "Wie kann ich kleiner Vogel eine so große Aufgabe erfüllen? " fragte sie – und der Schöpfer
antwortete: "Wie groß oder klein etwas ist, darauf kommt es nicht an. Es kommt nur darauf an, das, was ich
geschaffen habe, erhalten zu wollen und beizutragen, was man selbst dazu beitragen kann, wie klein oder
groß es auch sei." Die goldene Taube zweifelte noch immer. "Ich kann’s mir nicht vorstellen", sagte sie.
Da steckte ihr der Schöpfer einen goldenen Olivenzweig in den Schnabel und sagte: "Zeig dich so den Menschen.
Wer dich sieht, wird dich als Friedenstaube erkennen und zumindest nachdenken, warum du gekommen bist und warum
gerade an diesen Ort und zu dieser Zeit. Du wirst keine Waffen zerstören, keine Wunden heilen und keine leeren
Mägen füllen können. Das alles können nur die Menschen selbst. Doch du kannst Menschen zum Innehalten veranlassen,
zum Nachdenken über ihr Tun und vielleicht sogar zum Ändern ihres Verhaltens.
So kann gelingen, was ich dir zutraue. Versuch es!"



Mit diesen Worten im Herzen flog nun die goldene Taube durch die ganze Welt, zeigte sich Streitenden, deckte mit ihren Flügeln Ungerechtes
auf und weckte neue Hoffnung in Benachteiligten und Unterdrückten. Und ab und zu setzte sie sich nur irgendwo auf ein Dach, einen Baum oder
einen Brunnenrand. Dann glänzte ihr goldenes Gefieder im Sonnenlicht und ließ ahnen, wie schön die Welt sein könnte, wenn alle gut damit umgehen würden.
Trotzdem hörten Krieg, Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung unter den Menschen nicht auf. Im Gegenteil, je mehr Menschen sich im Lauf der Zeit die
Erde teilten, desto mehr nahm weltweit die Ungerechtigkeit zu – jahrelang, jahrhundertelang, viele tausend Jahre lang. Irgendwann ging der
goldenen Taube die Kraft aus. Als sich wieder einmal ein Regenbogen zeigte, setzte sie sich obenauf, nahm den Olivenzweig mit ihren Zehen aus
dem Schnabel und rief zum Schöpfer hinauf:

"Ich kann nicht mehr. Zwar gibt es Menschen, die meine Botschaft verstehen und danach handeln. Aber es gibt viel zu viele Menschen, die das nicht tun.
Die Welt ist zu groß für mich; ich kann nicht überall gleichzeitig sein."
Da nahm der Schöpfer die goldene Taube zu sich in den Himmel. "Ruh dich ein Weilchen aus", sagte er. "Ich versuch es mal auf etwas andere Weise."

Und er suchte sich einen Menschen, der sowohl träumen als auch Geträumtes verwirklichen konnte.
Diesem Menschen erschien im Traum eine goldene Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel.
Sie flog zum offenen Fenster herein und suchte ein ruhiges Plätzchen. Dort baute sie ein Nest, legte 30* Eier hinein und begann zu brüten.
Schließlich schlüpfte aus jedem der Eier ein Taubenküken, wuchs rasch heran und erstrahlte in goldenem Glanz.
Dann flatterten all die Tauben zum offenen Fenster hinaus in die weite Welt, jede in eine andere Richtung.
Als der Mann aus dem Traum erwachte, wusste er sofort, was zu tun war.

Aus Bronze formte er 30 Tauben, steckte ihnen Olivenzweige in den Schnabel und verlieh ihnen strahlend goldenen Glanz. Diese Tauben, so hatte er
es dem Traum entnommen, sollten nun zu allen Menschen reisen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde in ganz besonderer Weise einsetzen.
Sie sollten anerkennen, bestätigen, danken und andere Menschen zu ähnlichem Tun ermutigen.



Tatsächlich finden sich seitdem immer wieder Menschen, die den Besuch so einer goldenen Taube verdienen – zum Beispiel in Staatsregierungen,
friedenstiftenden Einrichtungen, Parlamenten, Rathäusern, Kirchengemeinden, Eine-Welt-Gruppen, Schulen und sogar Kindergärten. Wo auch immer Menschen
sich für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde in ganz besonderer Weise einsetzen, zieht es diese goldenen Tauben für ein paar Wochen oder auch Monate hin.
Sie haben sich über die ganze Welt verteilt, und wer eine von ihnen zu Gast hat, darf ihr das nächste Reiseziel vorschlagen.

Dies also ist eine der Geschichten, die sich Tauben ab und zu erzählen. Gefragt, wie sie zu den Menschen gelangt ist, wird das in Taubenkreisen so erklärt,
dass diejenige der goldenen Tauben, die sich für den Sommer 2017 in Waldenbuch angekündigt hat, einem Menschen begegnete, der ihr zugehört und
die Geschichte aufgeschrieben hat.

Darüber freuen sich die Tauben natürlich. Aber viel wichtiger ist ihnen, dass solche Geschichten zur Wirklichkeit werden, und dass der Besuch der goldenen Taube
in der schönen Stadt Waldenbuch noch mehr Menschen als bisher ermutigt, sich denen anzuschließen, die sich für Benachteiligte und Unterdrückte in aller Welt
einsetzen: durch Aufklärung, durch fairen Handel, durch gute Nachbarschaft mit Flüchtlingen, durch tatkräftige Unterstützung von Projekten für sauberes Wasser,
gegen ausbeuterische Kinderarbeit, für Schulbildung, medizinische Versorgung und ausreichende Nahrungsbeschaffung!

Menschen, die so handeln, tun dies im Bewusstsein, dass die Menschenheimat Erde unteilbar ist und als Lebensgemeinschaft nur existieren kann, wenn Frieden,
Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle gleichermaßen gelten. So jedenfalls, sagen die Tauben, hat es der Schöpfer gemeint, als er damals Frieden mit der
Menschheit schloss und zum Zeichen der Versöhnung den Regenbogen über Noahs Arche aufleuchten ließ. Und alle, alle Menschen können mitwirken, das große Ziel
zu erreichen, sagt die goldene Taube – wirklich alle.



Die Goldene Friedenstaube
und andere Geschichten von
©Roland Müller
Buchbestellung
Desdemona Winkler
decowi@gmx.net



Weltweit machen sich die Tiere auf, für den Einzug in die Arche .....